Der andere Horizont

Der andere Horizont

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Was die Berge mit meiner Selbstständigkeit zu tun haben. 

Im Frühtau zu Berge

Ich stand mit meinen Schlappen im nassen Gras und atmete tief ein. Ich hielt meine Augen geschlossen. Mmmmh. Diese Luft tat so unfassbar gut. Der Morgentau gab mir die Frische, die ich jetzt brauchte. Es fröstelte mich leicht. Als ich meine Augen wieder öffnete, fiel mein Blick auf zwei Kühe, die auf der Weide genüsslich ihr Frühstück verzehrten. Ihre Glocken um den Hals störten die herrliche Ruhe aber nicht. Hier oben hatte ihr Klang etwas Magisches. Wie ein Weckruf für alle Bewohner des Berges. Es war an der Zeit, aufzubrechen. Ich ging in die warme Stube der Reitlehenalm zurück und packte meine Sachen. 

Beim Anschnallen des Rucksacks merkte ich ihn wieder. Den leichten Druckschmerz an den Schultern, der verriet, dass ich schon einige Tage unterwegs sein musste und mein Körper sich langsam ans Unterwegsein gewöhnte. Die 11 bis 14 Kilo auf dem Rücken (je nach Wasservorrat) waren eine körperliche Herausforderung. Aber ich beschwerte mich nie über das zusätzliche Gewicht. Ich liebe es, alles Wichtige am Mann (Frau) zu tragen und wie mit meinem eigenen kleinen Schneckenhaus von Hütte zu Hütte zu laufen. Mit einem trällernden „Servus“ verließ ich meine Herberge. Vor mir lag eine kurze, aber steile Etappe für heute. 

Geschichten aus dem Unterholz

“Warum gehst du eigentlich gerne in die Berge?” Etliche Freunde und Bekannte haben mir diese Frage bereits gestellt. Und ich mir selbst auch – gerade dann, wenn ich noch einige hundert Höhenmeter bis zum Gipfel oder der nächsten Hütte vor mir hatte und die sengende Sonne mir so manche Schweißtropfen abverlangte. Jeder, der in den Bergen unterwegs ist, mag auf diese Frage anders antworten.

Ich antworte meistens mit: „Wenn sich mein Körper bewegt, bewegt sich auch mein Geist.“ Obwohl ich unterwegs bin, habe ich das Gefühl anzukommen. Bei mir. Der Wald hat für mich etwas Faszinierendes. Das Rauschen der Blätter, das Plätschern des Bachs, das Singen der Vögel und das Knacken des Unterholz. Jede Pflanze, jeder Baum scheint zufällig platziert, doch in Wahrheit folgt alles einer Ordnung. Klein und groß, hell und dunkel, feucht und trocken, rauh und glatt, zerbrechlich und erhaben, laut und unauffällig. Alles ist mit allem verbunden. Das eine bedingt das andere. Wer genauer hinschaut, der kann die Geschichten des Waldes lesen. Wer genauer hinhört, der kann die Bäume sprechen hören. Wer genauer hinfühlt, der kann sie spüren: Die Urkraft, aus der alles entspringt. In den Bergen finde ich Antworten auf ganz persönliche Fragen. Mir geben sie Kraft und Inspiration zugleich. 

Kannst du das Gipfelkreuz schon sehen?

Auf einer Lichtung entdecke ich eine alte Bank, die mich einlädt, hier zu rasten. Noch bevor ich meinen Rucksack absetze, kann ich mein Glück kaum fassen. Als ich mich umdrehe, gibt der Wald den Blick frei auf die umliegenden Bergspitzen. Bergkuppe hinter Bergkuppe soweit das Auge reicht. Mein Tagesziel, das Gipfelkreuz, erhebt sich majestätisch zu meiner Rechten. „Wow“, höre ich mich selbst sagen. Beeindruckt von der Kulisse lehne ich mich zurück und tauche ein.

Anstehende Projekte, die mir eben noch so groß erschienen, wirken auf einmal unbedeutend klein. Von Zeit zu Zeit braucht man einen neuen Standpunkt, damit man die Welt wieder mit anderen Augen sehen kann. Wie vielen von uns, gelingt mir dies am Besten in den Bergen. Mit Blick auf den Horizont weitet sich meine Vorstellung. Ich bekomme eine Ahnung, dass es hinter dem Horizont noch etwas anderes geben muss. Oder wie Seneca so treffend sagte: „Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe.“ Es gibt mehr als das, was wir sehen können. In Wirklichkeit sehen wir nur einen Fliegenschiss vom All. Der Gedanke hilft mir dabei, den Kern meiner Arbeit zu entdecken. Während ich mich herauszoome und die Welt einmal von oben betrachte, stelle ich mir dann die Frage: „Was ist deine wahre Message?“

Auch Umwege erweitern unseren Horizont

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß, bis mich der Ruf der Erkenntnis weiter zum Gipfelkreuz trieb. Bei einer Abzweigung treffe ich, auf den ersten Blick gesehen, die falsche Entscheidung und wähle einen Umweg zum Gipfel. Mehr als eine Stunde länger als ursprünglich geplant. Bis ich es bemerke, war ich schon mehr als die Hälfte der Wegstrecke gelaufen. Umkehren war keine Option. In dem Moment, wo sich Ärger breit machen wollte, entdeckte ich einen kleinen gelben Schmetterling, der aufgeregt um mich herum flog und mich zum Lächeln brachte. Instinktiv wusste ich: Hier bin ich richtig. Es ist mein Weg, den ich gehen soll.  

Und keine 20 Minuten später wusste ich auch warum. Hinter einem Hügel erhob sich ein uralter Bergbauernhof. Auf einem Schild las ich: „Hausgemachter Zwetschgenkuchen. Mit Zimtstreuseln und Sahne.“ Wieder huschte ein Lächeln über mein Gesicht. Auch wenn der Umweg mir fast meine letzten Kräfte entzog, hatte er sich gelohnt. Was mich hier erwartete, war ein herrlicher Nachmittag mit dem „Almöhi“ bei Kaffee und Kuchen. 

Zuhause in Heidis Welt

Beschwingt von der inspirierenden Begegnung, schickte ich mit einem Augenzwinkern noch schnell Grüße an die Liebsten zu Hause: 

„Holaadiooooooooo

Holaadiooooooooo

Heidi, Heidi,

meine Welt sind die Berge.

Heidi, Heidi,

denn hier oben bin ich zu Haus.

Dunkle Tannen,

grüne Wiesen im Sonnenschein.

Heidi, Heidi,

brauch ich zum Glücklichsein!“

Dann sattelte ich zum dritten Mal meinen Rucksack, um die letzten Höhenmeter für heute anzutreten. Mein Gipfelglück war perfekt. Denn in diesem Moment hatte ich verstanden, was Reinhold Messner einmal sagte: „Wir steigen nicht auf Berge, um Gipfel zu erreichen. Sondern heimzukehren in eine Welt, die uns als ein nochmals geschenktes Leben erscheint.“ 

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