Sie ist einfach nur das Gegenteil von…

Sie ist einfach nur das Gegenteil von…

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Mutig ist, wer sich verletzlich zeigt.

Unsere geheime Sehnsucht

„Jep. So sieht es aus“, denke ich, nachdem ich die letzte Seite von Brené Browns Buch „Entdecke deine innere Stärke“ umblättere und das Buch zuklappe. „Aber ist es wirklich das, was wir wollen?“ In meiner Stimme klingt ein trauriger und zugleich unerschrockener Unterton. Als mir Brown, Sozialwissenschaftlerin und Bestseller-Autorin aus Houston, Texas, gerade unser gesellschaftliches Miteinander noch einmal schwarz auf weiß vor Augen führt, steht für mich fest: So kann es nicht bleiben. Für mich sind „wir-tun-einfach-so-als-hätten-wir-es-nicht-gehört“, „wir-fühlen-uns-dafür-nicht-verantwortlich“ oder „wir-finden-uns-einfach-damit-ab“ keine Optionen. Zu laut ist meine innere Stimme, die zu mir sagt, dass wir Menschen uns nach Menschlichkeit sehnen, und es sich richtig anfühlt, dieser Sehnsucht zu folgen. Zu groß ist meine Vision von einer anderen Welt, die besser zu uns passt als die jetzige. 

Wir Menschen, und das impliziert das Wort schon, wünschen uns Menschlichkeit im Miteinander. Brown fand in ihren jahrelangen Studien heraus, dass wir dazugehören wollen. Damit meint sie diese Form der Verbindung zu anderen Menschen, die uns unverhandelbar uns selbst sein lässt – ohne Bedingung, ohne Verstellung. 

Wir müssen über Scham reden

Eines wird klar, wenn man ihre Bücher und Vorträge verfolgt: Wer wirklich verbunden sein möchte, der kommt um das Thema Verletzlichkeit nicht herum, also der Bereitschaft zu Unsicherheit, Risiko und emotionaler Exposition. Aber wieso fällt es uns so schwer, diese Bereitschaft aufzubringen und unsere verletzliche Seite zu zeigen? Könnten wir doch wirklich dazugehören. 

Und da wären wir schon beim eigentlichen Problem: Der Schatten von Verletzlichkeit heißt nämlich Scham. Das eine gibt es oft nicht ohne das andere. Mit Scham meint Brown ganz einfach die Angst vor dem Getrenntsein. Also: „Gibt es irgendetwas an mir, das, falls andere davon wissen oder es sehen, ich die Verbindung nicht wert bin?“ Wer sich schämt, fühlt sich wertlos, schlecht und isoliert. Scham lähmt und ist nie gesund. Folgen wir den Worten der Autorin, ist es für die Vorstellung von Verbindung also unerlässlich, unsere Scham zu überwinden und es zuzulassen, wirklich gesehen zu werden.

Kulturelle Glaubenssätze stehen uns im Weg

Das kürzlich erschienene Interview von Brené Brown mit dem Süddeutsche Zeitung Magazin zeigt die Hindernisse auf: „Die kulturellen Botschaften, die diktieren, wie Männer und Frauen im Alltag aufzutreten haben, stehen der Verletzlichkeit im Weg. (…) Für Frauen heißt die (…) Botschaft in der Gesellschaft: Mach alles, mach es perfekt und lass es niemals anstrengend aussehen. Verletzlichkeit lässt uns sagen: Ich kann nicht immer alles zugleich. Aber dieses Eingeständnis unterspült unser Bemühen um Perfektionismus. (…) Männer hingegen schämen sich für Niederlagen. Auf dem Fußballplatz, in der Ehe, im Bett. Beim Geld. Wenn Männer verletzlich sein wollen und davon erzählen, nehmen andere das als Schwäche wahr.“

In unserer Kultur, die mehr Wert legt auf Perfektionismus und Gefallen-Wollen und dabei die Menschlichkeit aus den Augen verliert, ist es leicht, den Mund zu halten. Wir wählen oft den Weg, uns in unseren Bunkern zu verschanzen oder uns einfach anzupassen, statt unser wahres Ich zu zeigen und unsere Unsicherheit und die Kritik zu bezwingen. 

Wir leben in einer verletzlichen Welt

Aber so sehr wir uns auch bemühen, Verletzlichkeit zu umgehen, begegnet sie uns doch immer wieder: Wenn wir den Ehemann um Hilfe bitten müssen, weil wir krank sind; wenn wir Sex initiieren, abgelehnt werden oder jemanden einladen, mit uns auszugehen; wenn wir auf den Rückruf des Arztes warten; entlassen werden oder Leute entlassen müssen. Sind wir einmal ehrlich: In solchen Momenten fühlen wir uns einfach nur unwohl. 

So beobachtete ich kürzlich in einem Café eine verletzliche Situation, als mir die Kellnerin mitteilte, dass heute einer dieser „Sch…-Tage“ sei, die sie am Liebsten im Kalender streichen würde. Sie hatte das Bedürfnis, sich dafür zu entschuldigen, dass sie heute nicht so funktionierte wie sonst. Sie gab sich aber trotzdem Mühe, ihren schwachen Moment zu verstecken, und rannte weiter von A nach B. Es dauerte nicht lang, ausgelöst durch die fürsorglichen Worte ihrer Chefin, bis der Damm brach und ihr die Tränen liefen. Reflexartig schauten wir Gäste zu ihnen herüber. Ich hatte Mitgefühl und war der Bedienung zu diesem Zeitpunkt so nahe, wie nie zuvor. Denn sie hatte sich (verletzlich) gezeigt. In dem Moment, wo sie ihre Maske absetzte, hatte ich die Möglichkeit, mich mit ihr (wenn auch nur auf Distanz) zu verbinden – sie zu sehen, wie sie wirklich ist. 

Positive Gefühle erleben

Aber unsere Menschlichkeit zu zeigen, ist nicht die Regel. Wie Brown herausfand, zeigen gesellschaftliche Phänomene wie Schulden, Übergewicht, Suchtverhalten und die Absatzzahlen von Medikamenten, wie sehr wir versuchen, unsere Verletzlichkeit zu betäuben. Das Problem daran sei aber, dass wir Emotionen nicht selektiv betäuben können. Man kann schlechte Emotionen wie Verletzlichkeit, Trauer, Scham, Angst und Enttäuschung nicht betäuben, ohne die anderen Emotionen zu unterdrücken. Wir betäuben also auch immer Freude, Dankbarkeit und unser Glücksgefühl. Laut Brown sei Verletzlichkeit weder etwas Angenehmes, noch etwas Qualvolles. Sie sei lediglich notwendig, um uns für positive Gefühle zu öffnen. 

Unsere Verletzlichkeit umarmen

Als ich kurze Zeit später wieder das Café besuchte, nutzte ich die Gelegenheit, der Bedienung meine Verbundenheit auszudrücken. Ich sagte ihr, dass alles okay sei, was sie fühlt und sein darf, und dass ich es schön finde, dass sie Gefühle zeigen konnte. Für mich hatte sie großen Mut bewiesen und ihr wahres Ich gezeigt.

Dieser Moment hat bei uns beiden Spuren hinterlassen. Bei ihr, weil sie mit allen Stärken und Schwächen einfach Mensch sein durfte. Bei mir, weil ich anhand dieser kleinen Situation verstanden habe, was Verbindung wirklich bedeutet. Wahre Verbindung finden wir nur dann, wenn wir uns täglich in Integrität und Authentizität üben und uns verletzlich zeigen. Und dabei ist Verletzlichkeit zwar ein emotionales Risiko, aber nichts Negatives. Sie ist einfach nur das Gegenteil von Schwäche. Sie ist unser genauestes Maß für Mut.

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Deine Kati