Einfach gute Aussichten

Einfach gute Aussichten

Zum Wenden braucht es keinen Kopfbahnhof, aber ein mutiges Herz und einen wachen Geist.

Bahnsteiggedanken

7:04 Uhr, Hauptbahnhof Mannheim. Die Lautsprecherdurchsage der Bahnsteige gegenüber höre ich nur gedämpft unter meiner Mütze. Kalt ist es geworden. Ich ziehe meinen Schal ein Stückchen höher. Bald ist Weihnachten, denke ich, und blicke vor meinem inneren Auge auf das zurückliegende Jahr. Wie schnell die Zeit verging. Von diesen frostigen Momenten wie diesem gab es einige. Aber zum Glück auch die der Sorte „herzerwärmend“ und “über alle Maßen hinweg erfüllend“. Ich muss lächeln. Schön waren sie. Oh ja, dieses Jahr war anders. „Anders ist nicht falsch, ist bloß ‘ne Variante von richtig“, erinnere ich mich an das Zitat von Julia Engelmann. Ein Mann, der wie ich auf seinen Zug wartet, bemerkt mein Lächeln und lächelt zurück. Wenn er wüsste, woran ich gerade denke. Julia hat einfach Recht.

Bitte einsteigen!

„Es erhält Einzug der EC 217 Richtung Graz, über Stuttgart, Ulm, München Hauptbahnhof. Planmäßige Abfahrt war 7:11 Uhr. Die Wagen der ersten Klasse befinden sich in Abschnitt A. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt“, unterbricht der Lautsprecher meine Gedanken. Der eben noch fast leere Bahnsteig füllt sich mit Ankommenden und Abreisenden, dicht gedrängt bewegen sich Menschen aus und in den Zug. Als sich die Wagen in Bewegung setzen, erreiche ich im Inneren meinen Sitzplatz. Ich mache es mir gemütlich. Immer noch lächelnd schaue ich aus dem Fenster und lasse die Stadt an mir vorbeiziehen. Dieser Abschied tut nicht weh. Im Gegenteil: Ich bin dankbar für jeden schönen und nicht so schönen Moment. Sie waren wichtige Lektionen, und vor allem, sie machten mich zu dem Menschen, der ich heute bin.

Wendepunkt erreicht

„Sehr geehrte Fahrgäste, ich begrüße Sie im Eurocity Richtung Graz. Wir erreichen unseren nächsten Halt Stuttgart Hauptbahnhof gegen 7:58 Uhr. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten werden Sie über die Lautsprecherdurchsage informiert.“ Ich bin froh, dass wir losfahren. Im wahrsten Sinne des Wortes setzt sich der Zug des Lebens hoffnungsvoll und zielsicher in Bewegung. Das war nicht immer so. Es gab Minuten des Bangens, Stunden des Wartens und Tage der Ohnmacht. Mein letzter Aufenthalt in Mannheim dauerte länger als ursprünglich geplant. Mein Zug blieb viele Jahre. Es war ein toller Aufenthalt! In der letzten Zeit verging mir jedoch der Spaß. Was war geschehen? Mit den Worten der Deutschen Bahn würde man von Personenschäden, technischen Störungen und Schaltschwierigkeiten sprechen – alles zur selben Zeit. Mit meinen Worten von menschlicher Schwäche mit Kollateralschaden.

Kompromissloses Ja(hr) zum Leben

Bevor jetzt einige von euch denken könnten, dass ich Mannheim den Rücken kehre, den kann ich beruhigen. Ich liebe meine Stadt. Ich bin hier zuhause. Ich bleibe in Mannheim. Nur mein innerer Zug hat den Bahnsteig verlassen. Damit mache ich im Außen sichtbar, was ich im Inneren längst entschieden habe: Es ist Zeit für etwas Neues. Reich an Erfahrung sage ich nun Danke und Lebewohl. Ich bin nicht mehr bereit, auf meiner Zugreise Kompromisse zu machen, und nehme es wie Kurt Tepperwein, der einmal sagte: „Einen Kompromiss zu machen, bedeutet, dass keiner bekommt, was er will, und es für beide Seiten nicht stimmt. Wenn beide das Richtige tun, stimmt es für alle Beteiligten, und es braucht keinen Kompromiss mehr. Machen Sie daher nie mehr im Leben Kompromisse, sondern leben Sie ‚stimmig‘, aber erwarten Sie keine Zustimmung.“ Meine Weiterfahrt fühlt sich genau richtig an. 

Mutig ist, wer die Anschlussmöglichkeiten nutzt

Wenn mich jemand fragt, warum sich meine Weiterfahrt verzögerte, würde ich ihm sagen: Es brauchte etwas Abstand, einen anderen Blick auf den Horizont. Es brauchte dieses Jahr, das anders war als die anderen. Jetzt sitze ich wieder fest im Sattel, besser gesagt auf Sitzplatz 104 – muckelig warm im 6er-Abteil, mit WLAN-Empfang, einem Koffer voller Ideen und ausreichend Proviant. Außerdem ein Fensterplatz! Auf los, geht’s los! Und wenn ich so rausschaue, weiß ich: Das sind einfach gute Aussichten.

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Deine Kati